Ken Rogoff: Opfer einer Hexenjagd auf akademischen Querdenker

Kenneth Rogoff, Staatsbankrott, Wirtschaftswachstum, Carmen Reinhart, Schuldenkrise, Dieses Mal ist alles anders: Acht Jahrhunderte Finanzkrisen

Die Zeitschrift Capital veröffentlicht in ihrer aktuellen Ausgabe das erste Interview mit Kenneth Rogoff seit der Blamage um einen Fehler in der Berechnung der Staatsschuldenquote, ab der Wachstum rapide abfällt. Zur Erinnerung: in ihrem wegweisenden Buch Dieses Mal ist alles anders: Acht Jahrhunderte Finanzkrisen zeichneten Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff die Geschichte von Schuldenkrisen über mehrere Jahrhunderte nach. Eines ihrer wichtigsten Forschungsergebnisse war die Erkenntnis, dass ein Staatsbankrott sehr wahrscheinlich wird, wenn Staatsschulden ein Niveau von 90 Prozent der Wirtschaftsleistung übersteigen. In einer späteren Studie weiteten Sie den Umfang ihrer Untersuchungen aus und stellten fest, dass beim Überschreiten der Schwelle von 90 Prozent auch das Wachstum sinkt.

Während ihr erstes Forschungsergebnis zum Thema Staatsbankrott kaum jemand interessierte, entfachte die Parallelstudie zum Wirtschaftswachstum eine heftige Debatte. Schnell wurde sie als Rechtfertigung der Sparpolitik in den europäischen Krisenstaaten missbraucht.

Doch leider war Rogoff ein Rechenfehler unterlaufen: wie ein Doktorand später entdeckte, waren ausgerechnet in der Studie zum Wirtschaftswachstum einige Daten nicht in die Berechnung eingeflossen. Eigentlich nur ein peinliches Missgeschick.

Nicht jedoch, wenn es um die heilige Kuh der Keynesianer, schuldenfinanziertes Wirtschaftswachstum, geht. Zwar korrigierte Rogoff den Fehler schnell und stellte fest, dass sich am Ergebnis kaum etwas ändert – das Wachstum ist schwächer, wenn die Schuldenquote 90 Prozent übersteigt, mit oder ohne Rechenfehler. Doch die Katze war aus dem Sack. Rogoff sah sich einer Welle der Aggression ausgesetzt. Dass der Fehler das Ergebnis kaum beeinflusste, interessierte niemand. Stattdessen wurde ohne Ende wiederholt: in der Rechnung steckt ein Fehler, deshalb kann sie nicht stimmen.

Rogoff gibt im Interview mit Capital zu, schlecht auf die Anfeindungen reagiert zu haben. Wie bei akademischen Meinungsverschiedenheiten üblich veröffentlichte er seine Untersuchungen. Erst im Nachhinein wurde ihm klar, dass es die falsche Reaktion war. Mit seinem akademisch korrekten Verhalten war er machtlos gegen die PR-Maschine, die auf ihn losging. Besser wäre eine Verteidigung auf der gleichen Ebene wie der Frontalangriff seiner Gegner gewesen: in den Medien.

Es ist schade, dass sich jetzt in Blogs und auch unter vielen Entscheidungsträgern der Eindruck verhärtet hat, Rogoffs Ergebnisse wären fehlerhaft. So werden fleißig weiter Schulden aufgehäuft, und die Marke von 90 Prozent belächelt. Dabei täten die Verhandlungsführer der Großen Koalition gut daran, sich an das erste Forschungsergebnis Rogoffs zu erinnern, das nie umstritten war: ab 90 Prozent Schuldenquote steigt das Risiko eines Staatsbankrotts.

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